Wie man einen Replikanten erkennt

Grüße vom Tannhäuser Tor

1982: Helmut Kohl wird Bundeskanzler, in Deutschland steht die Polonäse Blankenese auf Platz 1 der Single-Charts, und in sicherer Entfernung von beidem erfindet der US-amerikanische Informatiker Scott E. Fahlman das Emoticon.

Währenddessen geht Harrison Ford auf Replikanten-Jagd.

Wer den Film „Blade Runner“ gesehen hat, wird sich vielleicht erinnern: im Jahre 2019 erschließen sogenannte Replikanten, künstlich erschaffene Menschen, in unserem Auftrag fremde Planeten als neuen Lebensraum. Da sie uns so weit überlegen sind, dass sie als Bedrohung gelten, gestehen wir ihnen nur eine Lebensdauer von 4 Jahren zu, während denen ihnen außerdem das Betreten der Erde unter Androhung der Todesstrafe verboten ist. Um dieses Verbot durchzusetzen, sind die Blade Runner unterwegs, die Replikanten auf der Erde aufspüren und exekutieren sollen.

Ärgerlich nur, dass so ein Replikant äußerlich nicht von einem Menschen zu unterscheiden ist. Man behilft sich aber mit dem Voight-Kampff-Test: ein mutmaßlicher Replikant wird vor eine Voight-Kampff-Maschine gesetzt und muss eine Reihe von Fragen beantworten, während die Maschine seine vegetativen Reaktionen misst – Atmung, Puls, Pupillenreaktion.

Der Voight-Kampff-Test erinnert einerseits an den von Alan Turing vorgeschlagenen Turing-Test: bei diesem Test soll mit Hilfe von Fragen herausgefunden werden, ob ein Gesprächspartner Mensch oder Maschine ist. Wenn die Maschine den menschlichen Gesprächspartner selbst von ihrer menschlichen Natur überzeugen kann, sagt man, sie habe den Turing-Test bestanden. (Gerüchteweise soll es auch Menschen geben, die den Turing-Test erst nach zwei Tassen Kaffee am Morgen bestehen.)

Andererseits wird die Messung vegetativer Reaktionen (Puls, Blutdruck, verringerter Hautwiderstand durch Schwitzen) bei einer Versuchsperson auch beim Polygraphen-Test, umgangssprachlich Lügendetektor, eingesetzt. Der Polygraph misst dabei nur die physiologischen Variablen – über das Ergebnis zu urteilen, bleibt dem Untersucher vorbehalten. Dabei gibt es eine Reihe von Fehlermöglichkeiten:

  • Die vegetativen Reaktionen, die gemessen werden, sind nur Ausdruck von vermehrter Erregung (also beispielsweise von Nervosität oder anderen emotionalen Reaktionen sind). Ob diese Erregung daher rührt, dass der Proband gerade eine Lüge erzählt, ist damit nicht bewiesen. Dass es auch nervös machen kann, unschuldig verdächtigt zu werden oder über ein Gewaltverbrechen nachdenken zu müssen, dessen Zeuge man geworden ist, ist offensichtlich.
  • Das Ergebnis des Tests ist abhängig vom Untersucher, weil 1.) der Untersucher den Probanden schon während des Tests beeinflussen kann (durch freundliches oder feindseliges Gehabe), und 2.) die gemessenen Parameter nicht von der Maschine interpretiert werden, sondern dem Untersucher einen gewissen Deutungsspielraum lassen.
  • Auch vom Probanden selbst kann das Ergebnis manipuliert werden – das Unterdrücken von vegetativen Reaktionen kann im Vorfeld des Tests trainiert werden.

In Deutschland sind Ergebnisse von Lügendetektor-Tests nur sehr eingeschränkt vor Gericht zu verwerten, und zwar (nach einem Urteil von 2013) nur in Sorgerechtsverfahren, und auch das nur, wenn der Test ein entlastendes Ergebnis erbracht hat.

In den USA sind die Ergebnisse von Polygraphen-Tests in einigen Staaten vor Gericht zulässig – außerdem dienen sie der Beurteilung von Straftätern auf Bewährung und werden sogar in Bewerbungsverfahren eingesetzt. Seit Jahren werden Fälle juristisch verfolgt, in denen ehemalige Polizisten oder andere Experten Seminare darüber angeboten haben, wie man den Polygraphen austrickst. Die New York Times Magazine berichtet zum Beispiel aktuell über den 69jährigen Ex-Polizisten und Polygraph-Kritiker Doug Williams, dem ein Gerichtsverfahren aus genau diesem Grund bevorsteht. Williams zieht nicht nur gegen Lügendetektoren ins Feld, weil sie fehlbar sind, sondern auch, weil sie zur Einschüchterung und als Instrument der Überwachung genutzt würden, sagt er.

Bei StackExchange wird derweil diskutiert, wie fehlbar der (erfundene) Voight-Kampff-Test ist. Im Film wird angedeutet, dass es Replikanten möglich ist, (fast) für Menschen durchzugehen. Ob dagegen ein Mensch absichtlich oder unabsichtlich, beispielsweise wegen einer psychiatrischen Erkrankung, durch den Test fallen kann, bleibt im Film unbeantwortet. Doug Williams, der Lügendetektor-Trainer, würde diese Frage wahrscheinlich mit „ja“ beantworten.

Bis 2019 wird die Zeit ein wenig knapp, den Menschen überlegene Replikanten (und die entsprechende fragwürdige Gesetzgebung) wie in „Blade Runner“ zu entwickeln. Wenn es so weit ist, scheint der Polygraph jedenfalls ein ungeeignetes Mittel zu sein, Replikanten von Menschen zu unterscheiden. An der Nachfolgetechnik wird bereits gearbeitet: funktionelle MRT-Scans zur Lügendetektion. Ob diese jemals so weit ausgereift sein werden, dass sie nicht zu überlisten sind? Wenn man sich überlegt, dass Menschen oft selbst nicht mehr den Unterschied zwischen einer echten und falschen Erinnerung erkennen können, ist das ziemlich unwahrscheinlich. (Und wenn doch, dann stellt sich die Frage, mit welcher Begründung man künstlichen Menschen eigentlich die Rechte „normaler“ Menschen verwehren sollte, aber das geht über das Thema dieses Posts hinaus.)

Blade Runner 2“ wird übrigens im Oktober 2017 in die Kinos kommen. Ob Roy Batty, der Replikant und Gegenspieler von Deckard, noch einmal auftreten wird? Der mittlerweile um über 30 Jahre gealterte Rutger Hauer wird ihn jedenfalls nicht mehr spielen können (und steht dem Projekt auch kritisch gegenüber). Aber es gibt ja noch CGI. Oder, in anderen Worten:

I’ve seen things you people wouldn’t believe…

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