Medizinische Tricorder: Science oder Fiction? Teil 2

I sense in your general direction. Your mother was a hamster.

Warum liegen wir immer noch in zu lauten MRT-Röhren und lassen uns von ungeübten Famulanten Blut abzapfen, statt nur einen Moment stillzuhalten, während die Ärztin mit dem Tricorder-Sensor in unsere ungefähre Richtung zielt? (Der medizinische Tricorder, um es noch einmal kurz in Erinnerung zu rufen, ist eine Erfindung von Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry und Handwerkszeug aller Schiffsärzte von Pille über den Holodoc bis hin zu… nun ja, Pille.)

Ach so. Wir haben ja noch gar keine Tricorder. Siehe dazu auch Teil 1 dieser Artikelreihe.

Aber – wie immer, wenn die Menschheit an einem scheinbar unlösbaren Problem laboriert – eilt Google zur Rettung. „Wie, keine Tricorder? Das haben wir gleich!“, dachte man sich dort im Jahre 2013, und schuf dazu die Ausgründung Verily Life Sciences.

Das Tricorder-Projekt hatte zum Ziel, Krebszellen im Blutstrom mit Nanopartikeln zu markieren. Patienten mit einem hohen Krebsrisiko sollten dann eine Pille mit diesen Nanopartikeln schlucken. Die Partikel würden sich, so war es geplant, an Krebs- und andere abnormale Zellen anheften. Die Nanopartikel sollten zudem magnetisch und fluoreszierend sein, so dass sie sich unter einem magnetischen Armband anreichern würden und dort ihre Fluoreszenz messbar wäre. Das Armband sollte diese Fluoreszenz regelmäßig messen.

Aber es stellte sich heraus: Verilys Chef Conrad hatte das Projekt zu früh angepriesen und die Umsetzung zu eilig begonnen. So berichtete das Wissenschaftsmagazin STAT, dass er die Nanopartikel kategorisch als „sicher“ für den Menschen deklariert habe – eine Behauptung, die schon seit Jahren nicht mehr dem Stand der Wissenschaft entspricht.

Akbarzadeh et al., Nanoscale Res Lett. 2012; 7(1): 144.
Akbarzadeh et al., Nanoscale Res Lett. 2012; 7(1): 144. Abbildung 3.

Weitere ungelöste Probleme:

Die Nanopartikel könnten sich in Zellen verschanzen und wären dann nicht mehr nachweisbar.

Außerdem: Möchte man überhaupt im Blutstrom kursierende abnormale Zellen finden? Bisher weiß man nicht, wie viele Zellen mit Mutationen überhaupt jemals zu Krebs werden, denn ein gesundes Immunsystem tötet mutierte Zellen in der Regel ab, bevor sie sich fortpflanzen können (daher erkranken immungeschwächte Menschen sehr viel häufiger an  Krebs). Eine Früh-Früh-Früherkennung würde daher bedeuten, dass viele Menschen völlig unnötig die Diagnose „Krebs“ erhalten würden – mit den ganzen Sorgen und gefährlichen (und teuren) medizinischen Eingriffen, die das zur Folge hat.

Und nicht zuletzt: Gäbe es überhaupt einen Markt für ein Armband, das einen ständig an die Möglichkeit erinnert, das man genau in diesem Moment an Krebs erkrankt? Selbst oder gerade Risikopatienten (etwa solche, in denen zuvor Krebserkrankungen in der Familie aufgetreten sind) möchten zwischen den routinemäßigen Vorsorgeuntersuchungen womöglich lieber unbeschwert von solchen düsteren Gedanken leben.

Nanoscience-Forscher David R. Walt, der als Experte hinzugerufen wurde, sagte über die Ingenieure und Wissenschaftler, die bei Verily arbeiteten: „Sie sind gut darin, physikalische Messungen zu machen, aber nicht besonders gut in diesem Bio-Kram.“ Tatsächlich wäre es nicht das erste Mal, das Naturwissenschaftler die Komplexität und die unvorhersehbare Komponente in der Biologie unterschätzen – so meinte auch Chemie-Nobelpreisträger Linus Pauling, er könnte mit Vitamin C eine ganze Reihe von ärztlichen Disziplinen arbeitslos machen.

Das Projekt Krebsarmband wurde von Verily im Verlaufe des Jahres 2016 sang- und klanglos eingestellt (Google hat keine Angst vor dem Scheitern, vor allem nicht im Gesundheitsbereich) –

‘Silicon Valley arrogance’? Google misfires as it strives to turn Star Trek fiction into reality

– Verily selbst ist aber noch wohlauf und arbeitet weiter an ambitionierten Projekten. Eines der interessantesten: Die Smart Lens, eine Linse, die nicht nur Fehlsichtigkeiten korrigieren, sondern gleichzeitig auch den Blutzucker messen soll. Sollte das klappen, wäre das ein riesiger Gewinn an Lebensqualität für Diabetiker, die sich heutzutage noch regelmäßig in den Finger pieksen müssen, um ihren Blutzucker zu messen. Andere Alternativen: Implantate unter der Haut (subkutan), die früher infektionsträchtig waren, aber die immer kleiner werden und dank drahtloser Verbindung zum Smartphone mittlerweile auch keinen Infektionskanal mehr schaffen.

Aber ein Tricorder? Das ist auch die smarte Linse nicht.

In der nächsten Woche geht es weiter mit dem bisher am meisten versprechenden Tricorder-Projekt – in dem gleich mehrere Startups tüfteln.

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