Kluge Wände: Standables statt Wearables

Big Mona is watching you

Mona LisaWände können einem auch dann mit den Augen folgen, wenn sie nicht mit dem Gesicht der Mona Lisa bemalt sind. (Die einem ja auch nicht wirklich mit den Augen folgt, sondern von Leonardo einen Silberblick verpasst bekommen hat.)

Stattdessen haben Forscher des AI-Labors am MIT einen Wandbehang in Größe eines Landschaftsbildes entwickelt, der mit Hilfe von Radiowellen wahrnehmen kann, wie schnell jemand läuft und wie große Schritte er macht. Selbst die Bewegungen mehrerer Personen und von Personen in anderen Räumen der Wohnung können aufgenommen werden. Das System heißt WiGait.

Wie funktioniert das? Die Radiowellen werden vom Transmitter ausgesendet, von den Körpern der Bewohner abhängig von ihrer Körperposition reflektiert und vom Sensor im Wandbild wieder aufgenommen.

Und wozu das Ganze? Damit das Smart Home steuern kann, wie lange die aktuelle Folge „Game of Thrones“ pausiert werden soll – abhängig davon, wie schnell der Bewohner sich in Richtung Küche bewegt, um sich eine neue Flasche Bier zu holen? Wäre auch denkbar, aber in diesem Fall geht es – Ihr habt es schon geahnt – um die medizinischen Anwendungsmöglichkeiten.

Als da wären: Zunächst mal die frühe Diagnose von Erkrankungen, die mit Gangstörungen einhergehen. Paradebeispiel: Die Parkinson-Erkrankung. Einer der bekanntesten Betroffenen ist Michael J. Fox:

Parkinson-Patienten leiden an einer Unterfunktion einer Hirnregion (Substantia nigra oder „schwarze Substanz“), die für die Regulierung von Bewegungen zuständig ist. Das führt zu einer Vielzahl von Problemen: Sie kommen nur schwer bis gar nicht „in die Gänge“ – wenn sie einmal laufen, ist aber wiederum das Stehenbleiben schwierig. Die Körperhaltung ist gebückt, die Schritte werden klein und schlurfend, die Handschrift wird ebenfalls klein bis unleserlich. Hinzu kommt ein unkontrollierbares Zittern, das Michael J. Fox im obigen Video am Beispiel seines Zähneputzens beschreibt.

Auch bei einer Früherkennung des Parkinson kann die Erkrankung bisher nicht geheilt werden – kann aber symptomatisch behandelt werden, bevor es durch die Bewegungsstörung beispielsweise zu Unfällen kommen kann.

Aber die Diagnosemöglichkeiten durch die intelligente Wand beschränken sich nicht auf Krankheiten mit Gangstörungen. So wurde in der Pilotstudie festgestellt, dass ein Teilnehmer an einer Angstörung litt – er stand nachts auf und wanderte hin und her. Dies kann auch auf Schlafstörungen hinweisen – oder darauf, dass eine zum Abendessen eingenommene Dosis von Schmerzmitteln nachts zu früh in ihrer Wirkung abflaut.

Da nicht nur Gang, sondern auch Körperhaltung aufgenommen werden, können theoretisch auch alle möglichen schmerzhaften Erkrankungen festgestellt werden: Jemand mit Bauchschmerzen krümmt sich nach vorn, jemand mit Rückenschmerzen geht mit steifer Lendenwirbelsäule, jemand mit Hüft- oder Knieschmerzen hinkt.

(Und dann kommt doch wieder das Smart Home ins Spiel und bestellt über Amazon gleich die passende orthopädische Schuheinlage.)

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